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Edition 2005
2. - 25. September 05

© Susan Meiselas, Carnival Strippers / Magnum Photos

Susanne Meiselas

Carnival Strippers
Die Bilder zeigen und dokumentieren die Girl-Shows, die ich in Neuengland in den Sommern 1973, 1974 und 1975 besucht habe. Die Frauen, die ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte, waren zwischen 17 und 35 Jahren alt. Die meisten von ihnen stammten ursprünglich aus Kleinstädten, die sie auf ihrer Suche nach Mobilität, nach Geld, nach der grossen weiten Welt und einem anderen Leben als das, das ihnen vorgeschrieben oder vorgezeichnet schien, verlassen haben. Der Jahrmarkt bot ihnen die Gelegenheit, das «alte Leben» hinter sich zu lassen. Es waren Ausreisserinnen, Freundinnen von Schaustellern und Klubtänzern, sie arbeiteten mal hier mal dort, nie fest, aber immer professionell. Sie wurden bar bezahlt, 15 bis 50 Dollar pro Nacht, Spesen wurden dabei vorgängig abgezogen.

Die Frauen agierten auf einer mobilen Showbühne auf einem Lastwagen. Die Bühne bestand aus zwei Teilen: Einer «öffentlichen» Zone, die von überall her einsehbar war und als Anwerbefläche genutzt wurde, und einer von einem Zelt überdeckten Fläche für «private Treffen». Die beiden Bühnen waren jeweils durch eine Garderobe getrennt. Immer und immer wieder, Tag und Nacht bewegten sich die Frauen von der hinteren auf die vordere Bühne und zurück, begleitet von den plärrenden Werbesprüchen der Anheizer, welche die Menge von einem Ort zum anderen zu locken versuchten, wo die Frauen jeweils für die Dauer einer Single-Schallplatte performten. Das Publikum war ausschliesslich männlich. Man konnte vom Farmer bis zum Banker alles sehen, Väter besuchten die Show mit ihren Söhnen, nie aber «Frauen und kleine Kinder» («no ladies and no babies, please»). Die Budenstadt verweilte jedes Jahr jeweils drei bis fünf Tage an einem Ort, dann wurde abgebrochen, die Trucks wurden beladen und die Karawane brach auf zur nächsten Station, mit den Frauen im Schlepptau. Das Leben «on the road» erschöpfte sich in Essen, Bars und Motelrooms, die Stunden verstrichen zäh mit Warten, Wäsche, Kartenspielen, TV – und Gesprächen untereinander.

Die Girl Show ist ein Business, und Striptease in einer Budenstadt ist einerseits harter Wettbewerb und andererseits saisonal beschränkt. Diejenigen Frauen, die das Jahrmarkts-Strippen zum Beruf machten, klapperten im Winter Go-Go-Bars, Strip-Clubs und Single-Parties für Männer ab oder arbeiteten als Gelegenheits-Prostituierte. Für die meisten Frauen war der Jahrmarkt eine Zwischenbeschäftigung, eine Station auf ihrem Weg zur Kellnerin, Sekretärin oder Hausfrau. Diese Welt zu (er)finden, heisst noch lange nicht, sie auch zu anerkennen. Ich wollte eine Art Bestandesaufnahme, ein Inventar der Girl Show vornehmen. Ich wollte nachzeichnen, was ich dort gesehen hatte, und aufdecken, was die Frauen bei ihrer Arbeit empfanden.

Susan Meiselas

Biografie
Geboren 1948 in Maryland. Lebt und arbeitet in New York.
Nach dem Master in «Visual Education» an der Universität Harvard wird Susan Meiselas Assistentin des Regisseurs Frederick Wiseman und steht ihm bei der Realisierung des Films «Basic Training» zur Seite. Von 1972 bis 1974 organisiert sie Ateliers für Lehrpersonen und Schüler in der New Yorker Bronx. Weiter initiiert sie – ausgestattet mit einem Stipendium der National Education Association (NEA) und der State Arts Commissions der Bundesstaaten South Carolina und Mississippi – in ländlichen Schulen dieser Südstaaten Programme zum Thema «Fotografie und Film».

Als Beraterin für Polaroid entwickelt sie anschliessend zwei Projekte («Learning to See» 1975 sowie «A photographic Genealogy»), welche Ideengeschichte, «oral history» und Fotografie kombinieren.
Susan Meiselas wird 1976 von der Fotoagentur Magnum nominiert, 1977 wird sie Assoziativ- und 1980 Vollmitglied. Ihre Bilder wurden publiziert in so renommierten Publikationen wie Time, New York Times, Life, Paris Match, zudem war sie Co-Regisseurin bei zwei Filmen. Ihre erste Arbeit «Carnival Strippers» wurde im Whitney Museum of American Art gezeigt.

Ausstellungen (Auswahl)
2004 Rose Gallery, Los Angeles
2003 FOAM, Amsterdam
2002 Photoespaña, Canal de Isabel II, Madrid
2002 Dazed Gallery, London
2001 Mois de la Photo, Montréal
2000 Whitney Museum of American Art, New York
2000 Photoespaña, Centro cultural del Conde Duque, Madrid
2000 Museum für Völkerkunde, Hamburg
1999 Berkeley School of Journalism, Berkeley
1998 Leica Gallery, New York

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)
2005 Cornell Capa Infinity Award
1995 Rockefeller Foundation, Multi-Media Fellowship
1994 Prix Hasselblad
1994 Maria Moors Cabot Prize, Columbia Journalism School
1994 Missouri Honor Medal, Missouri School of Journalism
1992 Mac Arthur Fellowship
1987 Lyndhurst Foundation
1985 Engelhard Award, Institute of Contemporary Art
1984 National Endowment for the Arts Fellowship
1982 Photojournalist of the Year ASMP
1982 Leica Medal of Excellence
1979 Robert Capa Gold Medal, Overseas Press Club

Publikationen (Auswahl)
2003 Carnival Strippers, (reprint) Steidl, Göttingen
2003 Encounters with the Dani – Stories from the Baliem Valley, Steidl Verlag, Goettingen/ICP, New York
2001 Pandora’s Box, Magnum/Trebruk, London
1997 Kurdistan: In the Shadow of History, Random House, New York
1990 Chile from Within, WW Norton & co, New York/London
1983 El Salvador, Work of 30 Photographers, Writers and Readers, New York/London
1981 Nicaragua: June 1978-July 1979, Writers and Readers, New York/London
1977 Strip-tease Forain, Le Chêne, Paris
1976 Carnival Strippers, Farrar, Straus & Giroux, New York
1975 Learn to See, Polaroid Foundation, Waltham





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